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Now Reading: Mit wem ich letzte Nacht nicht nach Hause bin

Mit wem ich letzte Nacht nicht nach Hause bin

Die schwule Szene, das ist für mich eine regelmäßig stattfindende Party. Da, wo ich herkomme, heißt regelmäßig: alle ein bis zwei Monate. Zeit genug, um das zu verdrängen, was ich dort gesehen habe.

Im besten Fall werden auf solchen Partys die Gayromeo-Profile lebendig: Ich erkenne viele Gesichter wieder (an ein paar hübsche erinnere ich mich gerne zurück), bei anderen fällt mir erst zu spät ein, dass ich das Profil mal geöffnet oder gar mit der Person gechattet habe.

Im schlimmsten Fall werden auf solchen Partys die Gayromeo-Profile lebendig. Man erkennt plötzlich Gesichter oder ähnliche Körperteile wieder, erinnert sich daran, dass man sowas schon mal gesehen hat oder gar von einer Person angeschrieben worden ist.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber meistens erkenne ich die Leute nicht anhand ihres Profiles. Vielleicht, weil die Fotos alt, unvorteilhaft sind oder die Person einfach nicht so darstellen, wie sie eigentlich ist. Da werden männliche Hengste schnell zu passiven Diven: der Bart bleibt, den Hüftschwung konnte auf dem Foto niemand erahnen.

Aber ansprechen? Es gibt wohl diese Regel, dass man einfach nicht miteinander spricht, wenn man sich sieht oder wiedererkennt. Oder einfach nett findet. Mit nett ist in diesem Fall geil gemeint. Wenn überhaupt bekommt man hinterher(!) eine Nachricht: “Hey, du bist gestern an mir vorbeigelaufen”. Meistens liefern sie aber nicht solche Steilvorlagen, die man mit einem “Warum hast du mich dann gestern nicht angesprochen? Jetzt nützt mir das auch nichts mehr!” kontern könnte.

Nein, es ist meist perfider. Sie warten nämlich bis zum Schluss in ihrem Versteck, beobachten dich und schreiben dir dann am nächsten Tag eine Nachricht, mit der sie wohl Wissen und Überlegenheit ausdrücken wollen, jedoch nicht ernsthaft eine Antwort erwarten können, wenn sie schreiben: “Naa, hab dich gestern auf Party gesehen. Mit wem biste da denn heim? *grins* ”

Gerne würde ich dann antworten “Tja, leider nicht mit dir.” Doch meistens antworte ich dann nichts, die Chance ist erstmal vertan, auf der Party hätte ich mich ohne Probleme mit ihm unterhalten können, doch jetzt bleibt mir nur wieder das Profil, anhand dessen ich entscheiden muss, ihn im Nachhinein zu treffen. Meistens entscheide ich mich dagegen.

Was bleibt ist also ein Abend auf einer Party, mit Leuten, mit denen man alle etwas gemeinsam hat. Doch es scheint keine Eigenschaft zu sein, die vereint. Eher versucht man sich, möglichst weit von dem anderen zu distanzieren und ihn gar mit Blicken noch herabzusetzen.

Bloß niemanden real ansprechen, er könnte am Ende kein Interesse haben. Das verträgt sich natürlich nicht mit dem eh schon bröckeligen Ego. Und so finde ich mich einen Abend lang alleine tanzend auf der Tanzfläche wieder, gut sichtbar und doch unangesprochen.

Es ist ja nicht so, als wollte ich niemanden ansprechen. Das Problem ist nur, dass ich niemanden sah, den ich ansprechen wollte. So ist das eben, da wo ich herkomme. Hier heißt regelmäßig: alle ein bis zwei Monate. Zeit genug, um zu verdrängen, dass ich dort nicht das gefunden habe, was ich mir erhofft hatte. Zeit genug, um neue Hoffnung zu schöpfen. Beim nächsten Mal klappt es bestimmt.

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Dipol

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3 People Replies to “Mit wem ich letzte Nacht nicht nach Hause bin”

  1. Chris

    Das ist gut beobachtet.
    Auf der anderen Seite kannst du auch gerne Leute ansprechen, dafür hast du einen Mund.

    Die andere Seite ist, dass so ziemlich jeder (Single) Schwule immer auf dem Weg nach was besserem “perfekteren” ist.

    Ich habe ne Neuigkeit: Perfekt gibt es nicht. Versucht Leute besser kennen zu lernen und nicht gleich in einer Formel oder durch eine Siebmethode auszusortieren.

  2. Auf solche Szene-Parties geht ja wohl größtenteils das typische Gayromeo-Publikum – und dass das gerne mal sozial auffällig, schräg oder richtig neurotisch sein kann, ist für mich zumindest keine Neuigkeit – leider.

    Aber schön, wie jemand das ähnlich und auch “im echten Leben” beobachtet.

  3. Gratulation! für diesen Beitrag.
    Über sowas spricht man nämlich in unserer famosen Schwulen-Gesellschaft normalerweise nicht.


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